Als Austauschschüler in die USA

Bundestagsabgeordnete übernehmen jährlich 360 Patenschaften

21.06.2008 Klaus J. Schwehn

Gymnasiasten und junge Berufsanfänger haben jährlich die Chance, im Zuge eines von Abgeordneten des Bundestags getragenen Austauschprogramms ein Jahr in den USA zu lernen

Paul ist 16 Jahre alt und Gymnasiast in Frankfurt. Er ist ein ausgezeichneter Schüler, aber beileibe kein Streber. Er spielt Saxophon in einer Band und American Football im Verein. Er hat also Hobbies, wie sie in der Main-Metropole nicht selten sind, seit dort die US-Army über Jahrzehnte das Umfeld geprägt hat. Jetzt hat Paul ein Abenteuer vor sich: Der Deutsche Bundestag ermöglicht ihm einen einjährigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Er nimmt teil am Parlamentarischen Patenschaftsprogramm (PPP): Der Bundestag schickt nämlich jährlich 360 ausgewählte deutsche Schüler und junge Berufstätige für ein Jahr in die USA; im Gegenzug kommen 350 junge Amerikaner in deutsche Schulen und Familien. Das Programm, 1983 begründet, besteht also jetzt 25 Jahre. In dieser Zeit haben etwa 18.000 junge Leute auf diesem Wege Kultur und Lebensgewohnheiten des transatlantischen Partners kennen und verstehen gelernt.

Bundestag und US-Kongreß standen Pate

PPP wurde vor 25 Jahren gegründet zum 300. Jahrestag der ersten deutschen Einwanderung in die Vereinigten Staaten, und zwar gemeinsam vom Deutschen Bundestag und dem Kongreß der USA. Dahinter stand die Überzeugung, wie schon die Gründerväter betonten, daß nichts den Blick auf und das Verständnis für eine andere Gesellschaft so nachhaltig schärft wie das Eintauchen in dessen Alltag. Dies schien seinerzeit auch deshalb von einiger Notwendigkeit zu sein, weil in den 80er Jahren die Amerika-Euphorie der Nachkriegszeit deutlich abgekühlt war und sich ein auch unreflektierter Anti-Amerikanismus (nicht nur in Deutschland) breit machte.

285 Schüler und 75 Berufsanfänger nehmen teil

Die 285 deutschen Schüler und 75 Berufsanfänger werden jeweils von heimischen Paten-Bundestagsabgeordneten, also Wahlkreisabgeordneten, nominiert und stehen mit ihnen in ständigem Kontakt. Dabei spielen parteipolitische Präferenzen keinerlei Rolle; es geht um Leistung und Leistungsbereitschaft. Das Interesse der Parlamentarier an diesem Austauschprogramm ist groß. Nach Angaben der Bundestagsverwaltung bewerben sich Jahr für Jahr mehr Abgeordnete um eine Patenschaft, als berücksichtigt werden können.

Community College und Berufspraktikum

Für 75 jährlich ausgewählten Berufsanfänger ist dieses Programm ein besonderes Highlight. Denn solche Programme sind für sie besonders rar. PPP bietet in der Bundesrepublik fast die einzige Chance, ein Jahr jenseits des Atlantik zu verbringen. Die ausgesuchten jungen Leute gehen zunächst für sechs Monate auf ein Community College, eine Art Berufschule und suchen sich dann für weitere sechs Monate ein Praktikum.

Gastfamilien machen ehrenamtlich mit

Die eigentliche Abwicklung des Programms liegt in den Händen renommierter Austausch-Organisationen, die sich alle vier Jahre in einer öffentlichen Ausschreibung bewähren müssen. Sie treffen die Vorauswahl der Bewerber: 4.500 waren es im Jahr 22.007, und sie wählen auch die Gastfamilien aus, die ihre jungen Gäste ein Jahr lang ehrenamtlich bei sich aufnehmen.

Junge Deutsche tun sich leichter

Viele der jungen Leute, die an diesem Programm teilgenommen haben, sagen später, sie seien in den zwölf Monaten erwachsener geworden, auch wenn es Heimweh gegeben habe - und auch eine Art Kulturschock. Wobei es gemeinhin die jungen Deutschen in den USA leichter haben als umgekehrt die jungen Amerikaner in der Bundesrepublik: Die Deutschen sprechen die Landessprache, die Amerikaner zumeist kein Wort deutsch. In den USA bestimmt die Schule den Tagesablauf und die sozialen Aktivitäten bis in den späten Nachmittag; in Deutschland hingegen werden die jungen Gäste am Mittag sich selbst überlassen und müssen sich in einer völlig fremden Welt allein um ihre Freizeitgestaltung bemühen. Es sind völlig neue Welten, hier wie da.

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Paul - Der Amerikafahrer, Foto:Schwehn Paul - Der Amerikafahrer
   
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