Korruption als Regelfall?Das heikle Wechselspiel zwischen Markt und Staat
Wenn sich die Grenzen zwischen Markt und Staat verschieben, muss das Verhältnis neu definiert werden. Die Korruption scheint ein Nebenprodukt zu sein.
Mal schreien Bürger über das Beamtentum verärgert: „Weniger Staat!“, mal sehnen sie sich, besonders in den Krisenzeiten, nach einer starken und schnell durchgreifenden Führung. Das Verhältnis zwischen Markt und Staat wird dabei stets neu definiert. Allgemein gilt es aber eine folgende Regel: Wenn der Markt gegenüber dem Staat an Einfluss gewinnt, leiden darunter langfristig orientierte Aufgaben und Projekte, wie beispielsweise Familien oder lokale Gemeinschaften. Die Beziehungen zwischen Menschen drücken sich dann nicht „durch Kooperation um ihrer selbst willen, sondern durch Wettbewerb“ aus. Auf diese Weise atomisiert der Markt die Gesellschaft. Mit ein wenig Übertreibung könnte man sagen, dass dadurch statt eine Gemeinschaft die Feindschaft entsteht. Dass der Staat aber nicht nur Gutes tut, zeigt sich besonders spektakulär in Fällen des Missbrauchs der Macht: in der Fällen von Korruption. Da werden Entscheidungen getroffen, die die Zahlungswilligen bevorzugen, oder diejenigen begünstigen, die sich für eigene Karriere des Beamten oder Politikers als nützlich erweisen. Ein Beispiel dafür bringt die so genannte Schreiber-Affäre. Eine kurze Definition dieses Phänomen lautet: „Ausnutzen einer Machtposition zum eigenen Vorteil“. Eigener Vorteil als KompassDas Streben nach eigenem Vorteil als Treibkraft des Marktes ist in sich nicht negativ, solange – hier mischt sich die Moral in die Wirtschaft ein – „dieses Verhalten nicht zum Nachteil anderer“ führt. Mit solch einer allgemein formulierten Definition wird kaum jemand streiten wollen. Der Teufel sitzt jedoch bekanntlich im Detail. Einerseits ist die Grenze zwischen dem Vorteil eigener Person und den anderen, also jene Grenze „zwischen individuellem und kollektivem Nutzen eine Sache der steten Aushandlung“. Und somit auch schwierig eindeutig zu ziehen. Anderseits bringt die Vermischung von Wirtschaft und Moral wenig Licht in dieses Dickicht. Monopol der Staatsdiener?Der heimliche Missbrauch der eigenen Position zum privaten Zwecke betrifft natürlich nicht nur die Staatsdiener. In dieser grauen Zone, wo die Grenzen nicht mehr zu erkennen sind, spielen Vertreter von beiden Seiten – des Staates und des Marktes – genauso große Rollen. Die Korruption hat Hochkonjunktur. Sie ist „salonfähig“ geworden und wird nicht mehr nur Entwicklungsländern zugeschrieben. Schuld daran soll die neue globale Verschiebung der Grenze zwischen Staat und Markt tragen. Bild des MarktesDie herrschende neoklassische Theorie des Marktes setzt gleiche Ausgangsposition der Marktteilnehmer voraus und ist von ihrer grundlegenden Passivität überzeugt. „Sie (die Marktteilnehmer, Anm. GG) reagieren in diesem Modell lediglich, unter Zugrundelegung der entsprechenden Präferenzordnungen, auf die Anreize, die ihnen von außen geboten werden“. Kein Wunder, dass die darauf beruhenden Lösungsvorschläge, nur die Anreize ins Visier fassen und u. a. höhere Gehälter für Beamten oder Manager propagieren, damit sie den korrupten Angeboten widerstehen können. Die Praxis zeigt jedoch, dass mit dem Gehalt die Bestechlichkeit eher wächst. Vielleicht stimmt das Bild des Marktes also nicht? Haben womöglich recht die alten Klassiker, Marx eingeschlossen, die den Markt als Kampfplatz begriffen haben? Wenn sich jeder aktiv nur um eigenen Vorteil kümmert, kommt als Ergebnis „Krieg alle gegen alle“ heraus – argumentieren die Klassiker. Beschreibt diese Ansicht unsere Wirklichkeit? Stimmt die folgende These, dass die „Industriespionage, feindliche Übernahmen, bittere Preiskämpfe“ nicht die Ausnahme sondern die Regel sind? Der Alltag bringt doch stets neue Affären mit sich, wie Mannesmann, Volkswagen, Bespitzelung von Aufsichtsgremien und Journalisten durch Telekom oder Bespitzelung von eigenen Mitarbeitern bei Lidl, Telekom und bei der Bahn. Theorie ändern?Eine adäquate Theorie hätte auf die individuelle Handlungsebene als Erklärung verzichten und sich mit den Strukturen beschäftigen müssen – wie etwa mit strukturellen Ungerechtigkeiten. Das Maximieren seinen eigenen Nutzen als Handlungsprinzip und der individualistische Blick der gängigen Theorie des Marktes scheinen nicht nur bei der Erklärung von globalen Vorgängen zu versagen. Jene Theorie lässt auch als korrupt erscheinen, was sich an das Wohl der Gemeinschaft orientiert. Das betrifft beispielsweise die Gewerkschaften: „diese werden von der individualistischen Theorie häufig ähnlich kriminalisiert wie mafiöse oder kartellähnliche Strukturen; und zwar vorrangig deshalb, weil das gewerkschaftlich organisierte Individuum sich anders verhält als das atomisierte Modell es vorsieht“. Obwohl hier das Individuum Abstriche an seinem Individualnutzen im Interesse des Gruppenwohls in Kauf nimmt. Korruption dagegen liegt vor, wenn der Gemeinschaft Schaden zugefügt wird. Zitate und Quelle: Christoph Hennig, Private Virtues, Public Vices? in: Stephan A. Jansen, Birger P. Priddat (Hrsg), Korruption. VS Verlag für Sozialwissenschaften. 2005. 224 S.
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