Wertesehnsucht und Kulturdämmerung16.06.2010 Tom Köhler
Medienheimat - Tom Koehler, Hamburg
Einen Blick in die Zukunft wagen - wer träumt nicht davon. Zu Zeiten Jules Vernes galt fast jede Utopie als unglaublich, faszinierend und befremdlich zugleich. Der einzige Unterschied zwischen dem Meister des utopischen Romans und den Protagonisten dieser Arbeitsgruppe auf dem neunten Zukunftskongress 2bAHEAD ist ein temporärer. Zwischen den Ideen der Fantasten im 19. Jahrhundert und den Visionen der heutigen Denker und Querdenker liegen zig Jahrzehnte. Die Ergebnisse der Überlegungen werden in deutlich kürzerer Zeit zu sehen sein. Die Reise auf den Mond dauerte von schriftlicher Niederlegung 1865 bis zur Vollendung ein Jahrhundert. Die Reise in neue mediale Heimaten dauert maximal Jahre. Medienheimat und WissensbergeEin Forscher, der beruflich dem Volk auf´s Maul schaut, ist Hartmut Scheffler von TNS Infratest. Seine Sichtweisen über die Zukunft der Medien und die Entwicklung der sogenannten medialen Heimaten: Noch haben Medien eine Heimat. Traditionelle Medien werden diese auch 2020 haben. Sie werden sich aber der Aufgabe stellen müssen, beim Kunden, beim Leser wieder Vertrauen aufbauen zu müssen. Ein mediales Flaggschiff, wie die Tagesschau, kann seine Position nur dann halten, wenn die Werte, die Verlässlichkeit weiter gepflegt werden. Vertrauen zu Informationen und Glaubwürdigkeit sind die Kriterien, an denen Nutzer das Medium messen. Jeder hat heute und in zehn Jahren mehrere mediale Welten. "MedJA, aber anders!", so Scheffler. „80 bis 90 Prozent der medialen Plattformen laufen aber dann über ein Gerät, und Medienmarken werden getrieben durch Social Media.“ Braucht man noch Wissen, wenn dieses Wissen überall vorhanden ist? Ersetzt dieses kollektive Wissen den eigenen - anstrengenden - Erwerb desselben? "Wir bleiben so dumm, wie wir sind". Scheffler weiter: "Wissen gibt es reichlich. Der Umgang damit will gelernt sein. Was nützt ein quantitativer Rekord, gibt es dafür ein qualitatives Desaster?" Die alte Devise, dass auch lernen gelernt sein will, bricht sich wieder Bahn. Doch eines darf das digitale Paradies nicht sein: eine Diktatur der Lautstärke, im politischen Alltag zu gern eingesetzt. WILDCARDEin eigens zur Veranstaltung engagierter Inhaber einer WILDCARD durfte zu jedem Zeitpunkt die Diskussion "stören". Sein Einwurf: „Zurück zu Derrick und Heimatfilmen?“ Überspitzt: Zurück zu Eingekochtem? Letzteres weiß der Genießer wohl zu schätzen. Die Frage nach dem Verbleib des Einzelnen im digitalen Nirvana oder auf der Familiencouch stellt sich nicht. Die Digital Natives sind eben keine lichtscheuen Nerds - getreu dem Motto einer Diplomarbeit: MY DESKTOP IS MY HOME. Zielgruppen finden ihre Heimat in Communitys, deren Quellen vertrauenswürdig sind - und haben "trotzdem" echte Familien, Freunde und Bekannte. Zukunft militärisch - Zukunft in KrisenNächster im Trio der Referenten kein geringerer, als Prof. Dr. Michael Wolffsohn, Historiker an der Universität der Bundeswehr. Dessen Thesen waren Augen öffnend. Er prophezeit sich verschärfende Krisen. Doch meint er nicht nur Militärische, sondern auch Gesellschaftliche. Erstere sind durch die zu sichernden Handels- und Transportwege (Routen, Pipelines) fast unausweichlich. Präventiv oder reaktiv eingesetzte Militärs erhalten den Zufluss von Rohstoffen für die entwickelten Industrien. Die Staaten, deren Wirtschaftskraft die Ressourcen wie ein gigantischer Staubsauger anziehen, bedürfen eines internationalen Raketenabwehrschildes gegen aufstrebende Militärmächte. Wolffsohn: "Iran, Pakistan, Saudi-Arabien, Jemen, Sudan". Die Wandlung der Bundeswehr zu einer Berufsarmee ist längst eingeläutet, der verkürzte Wehrdienst von sechs Monaten ein schonender Übergang zum notwendigen Schritt. Die innere Sicherheit, seit Jahren auch in Deutschland ein Dauerbrenner, wird durch soziale Unruhen massiven Ausmaßes gefährdet. Die Eskalation ist programmiert. Dauerleistungen des Sozialstaates stehen in krassem Widerspruch zur Leistungsfähigkeit des Einzelnen. Einsparungen fordern ihre zwingenden Opfer. Wo sich 2020 Kriege abspielen? An der Heimatfront.. Terror und Megaterror, Aktio gleich Reaktio. Zwei Folgen indiziert Wolffsohn: Sicherheitskräfte, Streitkräfte, Armeen sind Vorboten eines Staates im Staat. Die soziale Erosion führt zu einer dramatischen Zerbröselung des Staatswesens, letztendlich zu seiner Implosion. Was ist mit dem Glauben?Der letzte Experte für Werte und Kultur in dieser Runde - ein Mann Gottes. Fürwahr wurden seine Ausführungen wohlwollend als Predigt verstanden. Dr. Dieter Haite, Benediktinerprior in St. Benedikt, forderte eine neue Weitsicht, eine neue Achtsamkeit. Menschen suchen intensiver nach sich selbst, erkennen den Sog des Konsums und der Beziehungslosigkeit. Das hat seine Gründe. Selbstkritisch bezog er auch seinen Arbeitgeber in die Fragestellung ein. "Kirche und Politik gewinnen nur Ohnmacht auf der Suche nach Macht", so Haite. "Das Prinzip des Erziehens" hat ausgedient. Die verkrampft machtorientierten gesellschaftlichen Instanzen werden qua Internet entmachtet. Normen und Werte, so der Prior, finden die Menschen heute in zwei Formen. Im Konservatismus und in der Zukunft. Urheberrecht: Tom Köhler. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
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