Zielscheibe der DiskriminierungBezieher von ALG II werden zum gesellschaftlichen Feindbild
Im 6. Band der Langzeitstudie „Deutsche Zustände" wird über die zunehmende gesellschaftliche Diskriminierung von Langzeitarbeitslosen berichtet.
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer ist Herausgeber der Reihe „Deutsche Zustände“. Im Dezember 2007 erschien die 6. Folge dieser Reihe. Erstmalig wurde das Phänomen der Ausgrenzung der Langzeitarbeitslosen aus der Gesellschaft näher untersucht. Der HintergrundEs ist ein altbekanntes Phänomen, dass Gemeinschaften dazu neigen, besondere Gruppen aus ihrer Mitte abzuwerten und auszugrenzen. Es entstand der Verdacht, dass in Deutschland ein solcher Prozess in Gange ist und die Bezieher von Arbeitslosengeld II zum Ziel dieser Diskriminierung werden. In der Umgangssprache gibt es schon sehr lange das geflügelte Wort von der „Sozialen Hängematte“, in der es sich die Arbeitsunwilligen und Faulen gemütlich gemacht haben. Es gab daher immer ein Vorurteil gegen Arme und Schwache. Dies richtete sich vor allem gegen die Bezieher von Sozialhilfe. Eine Wirkung dieses unterschwelligen Vorurteils unter anderen war, dass Anspruchsberechtigte sich für ihre Notlage schämten und ihre Ansprüche auf Sozialhilfe lieber versichteten, als den für sie demütigenden Weg zum Sozialamt anzutreten. Heitmeyer berichtete in Interviews über die abfälligen Bemerkungen von Politikern über Langzeitarbeitslose. „Es sei Lebenssinn der Arbeitslosen, sich mit Kohlehydraten und Alkohol vollzustopfen“, so der ehemals Grüne Oswald Metzger. Auch die öffentliche Aufforderung von Kurt Beck (SPD), „sich ordentlich zu waschen und zu rasieren, dann klappe das auch mit der Jobsuche“, zeuge von Vorurteilen. Ein weiteres Beispiel lieferte der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin mit der Empfehlung an Langzeitarbeitslose, „ihre Ehrenämter aufzugeben und diese Zeit für Bewerbungen zu nutzen“. Heitmeyer geht nun nicht davon aus, dass gesellschaftliche Eliten diese Vorurteile vorsätzlich schüren. Die oben zitierten Äußerungen sind aber zumindest ein Beleg dafür, dass unterschwelligen Ressentiments sich in der Gesellschaft breit gemacht haben. Durch Verallgemeinern von Einzelbeispielen und das Wiederholen von Stereotypen über die Empfänger von ALG II tritt ein Effekt der Selbstverstärkung von Vorurteilen auf. Die Ergebnisse der StudieBei der Befragung der Deutschen tritt zu Tage, dass 56% von ihnen eine feindselige oder abwertende Einstellung zu Langzeitarbeitslosen haben. Die erschreckende der Langzeitarbeitslosen machen die Antworten auf 2 Fragen deutlich:
Als eine Ursache wird eine zunehmende „Ökonomisierung des sozialen Lebens“ genannt. Weitere Indizien liefern die Antworten auf weitere Fragen:
Diese Zahlen zeigen einerseits, dass die Mehrheit der Befragten durchaus Verständnis für die Schwachen mitbringt. Aber die hohen Prozentsätze der Ablehnung von Schwachen zeigen doch, dass ein kaltes oder eisiges soziales Klima sich schon breit gemacht hat. Dabei wird weiter festgestellt, dass die ablehnende Haltung gegenüber den Langzeitarbeitslosen mit sinkendem Einkommen tendenziell wächst. Das zeigt die Angst vor dem eigenen Abstieg in die Gruppe der Langzeitarbeitslosen. Die Ausgrenzung dieser Menschen hilft gegen diese Angst genauso gut wie das Pfeifen im Wald. Im Beitrag „Spiegel der Gesellschaft“ wird das Buch von Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände – Folge 6, edition suhrkamp 2525, ISBN 978-3-518-12255-0 umfassender vorgestellt. Weitere Aspekte zum ThemaDer ökonomische Druck, den der Einzelne verspürt, löst eine zunehmende Aggressivität gegenüber den gesellschaftlichen Gruppen aus, die als noch schwächer eingeschätzt werden. Eine dieser Gruppen sind die Langzeitarbeitslosen. Die noch Arbeitenden wollen auf keinen Fall in diese Gruppe abrutschen. Sie reagieren daher mit Abgrenzung und Abwertung. Auch das Schlagwort „Fordern und Fördern“ wird wohl oft so verstanden, dass bisher von den Betroffenen nicht genug gefordert wurde. Und die gewollte Verschlechterung der Einkommenssituation der Betroffenen wirkt in dieselbe Richtung. Zur Einkommenssituation der Empfänger von ALG II hat das DIW Berlin kürzlich Ergebnisse veröffentlicht.
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